Hans-Georg Gadamer

Hans-Georg Gadamer (1900-2002) zählt zu den wirkungsmächtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Mit der in seinem 1960 erschienenen Hauptwerk Wahrheit und Methode begründeten philosophischen Hermeneutik hat er neue Horizonte der Verständigung über das Verstehen und seine Probleme erschlossen. Seither bewähren sich die Argumente, Begriffe und Metaphern der in mehr als 40 Sprachen übersetzten Schriften Gadamers als intellektuell produktive Systemreferenz für eine Vielzahl unterschiedlicher Stimmen in philosophischen und wissenschaftstheoretischen Langzeitdiskussionen, zeit- und kulturdiagnostischen Debatten und fachspezifischen ebenso wie fächerübergreifenden Prozessen der Forschung – von der Theologie und der Jurisprudenz über die Geschichtswissenschaft, die vergleichende Religionswissenschaft, die Soziologie und die Ethnologie bis hin zu den Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaften.

»Hans-Georg Gadamer is probably the most distinguished of Heidegger’s disciples. But as a man of broad historical culture and with an innate antipathy to dogmatism he must always have felt a bit awkward in this uncouth company. One might indeed say that if you start with Heidegger’s conception of truth, but disregard his ontology and then replace both the existentialism of his earlier philosophy and the mysticism of his later writings by a profound sense for the humanist tradition, you get what Gadamer calls ›philosophical hermeneutics‹.« (Ernst Tugendhat: The Fusion of Horizons , in: Ernst Tugendhat: Philosophische Aufsätze, Frankfurt a. M. 1992, 426-432, hier 426.)

»Gadamer entwickelt seine Hermeneutik als Antwort auf das, was die Zeitgenossen seit Nietzsches ›Zweiter Unzeitgemäßer Betrachtung‹ als ›Problem des Historismus‹ bewegt hatte. Gadamer will dem Objektivismus von Geisteswissenschaften entgegentreten, die, wie es sich ihm darstellt, die großen historischen Überlieferungen aus dem Kontext lösen, ins Museum sperren, ihres intrinsischen Anregungspotentials berauben und damit als ›bildende Kraft‹ neutralisieren. Deshalb orientiert er sich am Beispiel der hermeneutischen Aneignung klassischer Werke – von Werken der Literatur, Kunst und Religion, überhaupt von dogmatischen Überlieferungen, zum Beispiel juristischen Texten.« (Jürgen Habermas: Hermeneutische und analytische Philosophie. Zwei komplementäre Spielarten der linguistischen Wende, in: Jürgen Habermas: Wahrheit und Rechtfertigung. Philosophische Aufsätze, Frankfurt a. M. 1999, 65-101, hier 90f.)

»Gadamer is the author of two books that will be accounted among the classics of twentieth-century philosophy: Wahrheit und Methode and Die Idee des Guten zwischen Plato und Aristoteles. To accord a text the status of a classic is to say that it is a text with which it is necessary to come to terms, that failure to reckon with it will seriously harm our enquiries.« (Alasdair MacIntyre: On Not Having the Last Word: Thoughts on Our Debts to Gadamer, in: Gadamer’s Century, hg. von Jeff Malpass u.a. Cambridge Mass. / London 2002, 157-172, hier 157).

»Gadamer in challenging the subject-object model of human science with his ›conversation‹ paradigm has shown the crucial importance of equal exchange if there is to be a real surmounting of cultural barriers.« (Charles Taylor: Fusing Horizons, in: Hubert Dreyfus / Charles Taylor: Retrieving Realism, Cambridge, Mass. / London 2015, 102-130, hier 126.)

»Die gewichtige Reihe Poetik und Hermeneutik bezeugt Band für Band die Schule Gadamers, wovon er selber, schon wegen des Schlagwortes einer ›Schule‹, zu sprechen sich versagt hätte. Auch die im Heidelberger Historischen Seminar entwickelte Begriffsgeschichte der politisch-sozialen Sprache ist ohne den Vorgriff seiner philosophisch grundierten Begriffsgeschichte nicht denkbar. Die methodisch eingefaßte doppelte Funktionsbestimmung von Sprache, sowohl Faktor als auch Indikator gesellschaftlicher Bewegung zu sein, zehrt noch von Gadamers Hermeneutik. – Seine darauf zielenden liberalen Kolloquien von kosmopolitischem Zuschnitt sandten weitreichende Impulse aus; aber nie hat er die Beiträge in die alexandrinischen Kanäle eingezwängt, partout gedruckt werden zu müssen. So bleibt Gadamer auch hier, scheinbar unsichtbar, allgegenwärtig. Er konnte sich verschenken.« (Reinhart Koselleck: Gedenkrede auf Hans-Georg Gadamer, in: Reinhart Koselleck: Vom Sinn und Unsinn der Geschichte, Berlin 2010, 349-364, hier 363.)